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Konservatives Ostanatolien - Frauen, Bier und Traditionen

Im Osten Anatoliens trat für mich eine ganz unvertraute Seite der Türkei in den Vordergrund. Die westlich geprägten Städte waren weit weg und der religiös geprägte Traditionalismus stärker. Auch mein feministisches Herz blutete immer mal wieder.

Er hat im Osten bestimmt eine Wählerschaft. 

Mich stört an der Berichterstattung in Deutschland der Fokus auf diese problematische Seite des Landes. Tenor: Bei "uns" ist es so schön modern, aber "die" leben noch im Mittelalter. Solche überzeichneten einseitigen Haltungen lehne ich klar ab. Schildern, was für mich schwierig war, möchte ich trotzdem.

Typische Ansicht einer osttürkischen Provinzstadt. Die Opposition hat hier offenbar auch Wähler! 

Blickdiagnose: Konservativ

Unter vielen Kopftüchern stecken selbstbestimmte Frauen. Dennoch spricht die Symbolik eine eindeutige Sprache: Das Kopftuch steht nach wie vor für ein eher traditionelles Frauenbild. Und so musste der Schleier für mich als näherungsweiser Indikator für Konservatismus herhalten.

Ich in sackartigem Gewand. Shopping für den Iran. 

Meine unsachgemäß durchgeführte Beobachtungsstudie von zwölf zufällig ausgewählten weiblichen Personen ergab in den Straßen von Kars, dass zwei von drei Frauen verschleiert waren, in Doğubeyazıt sogar drei von vier. Solch eine hohe Quote kannte ich aus anderen Landesteilen nicht.

Beschre


Auch die Vollverschleierung nahm bei meinen Geschlechtsgenossinnen in Richtung Erzurum zu. Entsprechend abgeschirmt durch die Lage oder durch dicke Gardinen waren dann auch die wenigen Damenfriseure. Sie müssen ihre Kundinnen vor fremden Blicken schützen. 

Das türkische Straßenbild lässt übrigens auf ein friedliches Miteinander von verschleierten und unverschleierten Frauen schließen. Für Türkeibesucher gehört der Anblick von Freundinnen mit und ohne Schleier, die einträchtig eingehakt durch die Straße laufen, genauso zum Alltag wie die Kombination Mutter mit, Tochter ohne Schleier.

Auch viele Bekleidungsgeschäfte bieten alle Abstufungen von Freizügigkeit: Vom knöchellangen "Manto" und sackartigem Shirt bis zum Minikleid gibt es dann alles unter einem Dach.

Neben der Kleidung ließen aber auch andere Beobachtungen eine stärkere Präsenz von religiöser Tradition vermuten: In direkter Nachbarschaft zur - in Ermangelung armenischer Einwohner als Moschee genutzten - armenischen Kirche von Kars sah ich drei weitere Moscheen. 

Die Präsenz des Islam spiegelt sich auch städtebaulich wider. Hier: Die ehemalige armenische Kirche von Kars, jetzt Moschee, nebst neuer Moschee. 

In einem Karser Restaurant lauschten wir zwar abends einer türkischen Tanzband und die Gäste sangen ausgelassen mit, Alkohol wurde jedoch nicht ausgeschenkt. Ok, dass auf derselben Veranstaltung in Deutschland die Hälfte der Gäste sturzbetrunken wäre, ist auch nicht gerade als Speerspitze des Fortschritts zu sehen! 

Tee im Tanzlokal schmeckt auch gut. 


Sag mir, wo die Mädchen sind

Im Landesinneren nahm die Häufigkeit von Frauen im Straßenbild dann eklatant ab. In einigen Dörfern und Kleinstädten sah ich auf meinen Spaziergängen höchstens eine Frau. Die Männer hingegen tummelten sich im Teehaus oder bei den zahlreichen Gemüse-Verkaufslastern.

Gemüselaster-Verkaufspunkt.

Pragmatisch stellte sich eine Moschee bei Tatvan auf dieses Ungleichgewicht ein. Nicht nur an der Menge von Toilettenkabinen für die weiblichen Gläubigen wurde gespart, sondern auch am Handwaschbecken, das es bei den Männern jedoch gab. Stattdessen konnte man sich ja zum Fuß-Waschbecken für die rituelle Reinigung bücken. 

Teehäuser waren überwiegend Männerdomäne, außer sie enthielten im Namenszusatz irgendwas mit "aile" ("Familie"). Touristinnen wurden zwar nicht rausgeworfen, sondern hereingebeten, aber aufgrund der Normübertretung ziemlich sicher von anderen Gästen angestarrt. (Wer macht denn auch sowas?)

Restaurants waren für alle offen, doch aufgrund der geringen Präsenz im öffentlichen Raum konnte es vorkommen, dass ich dort als einziges weibliches Wesen speiste. 

Jetzt kann ich nachfühlen, wie sich meine männlichen Kommilitonen in der Psychologie-Vorlesung gefühlt haben müssen! 

Reisewarnung für Kinderlose

Davor warnt das Auswärtige Amt nicht: Menschen mit unerfülltem drängendem Kinderwunsch rate ich von einer Reise nach Ostanatolien dringend ab. Die Frage nach Kindern kommt fast immer und in etwa der Hälfte der Fälle (ich kann einfach nicht aufhören mit Statistiken) wird bei Kinderlosigkeit recht genau und teilweise distanzlos nach den Gründen gefragt.

Mit dem Satz "In Deutschland bekommen viele erst spät Kinder!" oder einem "insallah" ("so Gott will!") mit hoffnungsvollem Blick in den Himmel lässt man sich nicht abspeisen. Florian traf jemanden, der angeblich 27 Geschwister hatte. Sechs Kinder aufwärts zu haben ist hier ganz normal.

Ein paar junge Männer sagten uns aber auch, sie wollten ganz bewusst noch nicht heiraten. Die Gründe haben wir nicht erfragt, denn es wird sicher oft genug nachgebohrt. 

Bordell oder Kneipe? 

Ganz alleine als Frau war ich dann in einem wirklich erwähnenswerten Etablissement in Tatvan. Ein junger Einheimischer hatte uns zuvor beim Campen angesprochen und sich selbst auf einen Wodka eingeladen. Lieber hätte er Whiskey bekommen, aber damit konnten wir nicht aufwarten.

Hier fragte uns der junge Einheimische nach Whiskey. 

Whiskey bekam er dafür am nächsten Tag von anderen Camper. Ich vermutete ein Muster!

Und einen Grund: Der Kneipenindex lag mit einer Kaschemme zu 24.000 Einwohnern um das sechszehnfache niedriger als in meinem Heimatort Lahnstein. Man könnte jetzt treffend anmerken, dass es dafür in Tatvan deutlich mehr zu unternehmen gab als in Lahnstein...

Aber zurück zum Etablissement: So etwas hatte ich noch nie gesehen (und ich stamme aus Lahnstein)! Die Kneipe, in die wir gingen, sah von außen aus wie ein Bordell. Durch einen dunklen unscheinbaren Hauseingang neben einem Schnapsladen gingen wir drei Stockwerke hoch, vorbei an einzeln abgetrennten Räumen mit je einer Gesellschaft von...natürlich Männern! Entsprechend wurde ich in dem verrrauchten Schuppen angestarrt wie ein Auto. 

Wo bin ich hier eigentlich gelandet? 

Aus dem nach kaltem Rauch müffelnden Gastraum kommend wurde ich auf der Toilette von einem Ammoniakduft erschlagen, der mich um meine körperliche Gesundheit fürchten ließ. 

Der Aufreißer

Unsere Begleiter waren lebende Gegenbeispiele zum vorherrschenden Traditionalismus, nicht jedoch zum Chauvinismus. Nicht nur, dass sie mit uns in dieses Etablissement gingen, nein. Der Whiskey-Liebhaber schwärmte Florian von seinen sechs Freundinnen vor. Am Vortag waren es noch fünf gewesen... 

Die aus Berlin hatte er mir auf einem Foto gezeigt. Erstaunlicherweise sah sie aus wie die Frauen auf den Werbeplakaten armenischer Autowäschereien: Hotpants, große Brüste, tiefer Ausschnitt und voller Vergnügen in die Kamera lächelnd ein Auto putzend.

Die armenischen Autowäschereien hatten sich damals ohne Ausnahme als von männlichen Mitarbeitern oder in Selbstbedienung betrieben entpuppt. Die Sache mit den sechs Freundinnen konnte ich nicht nachprüfen. Nichtexistenz lässt sich statisch so schwer beweisen! 

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