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Mit dem Wohnmobil durch Ostanatolien

Beschreibung

Kars, Erzurum, Doğubeyazıt - diese Namen wecken abenteuerliche Assoziationen, die oft erstaunlich zutreffend sind. Ostanatolien hat mit den lieblichen und touristisch erschlossenen Orten an der Mittelmeerküste wenig gemeinsam. Hier ist eine andere, durch Minderheiten geprägte und sehr spannende Türkei zu erleben.

Kars ohne Schnee

Ich beginne mit Kars, einer Stadt wie ein Roman. Und zwar der einzig politische von Orhan Pamuk. Kars klingt fast wie "Kar" ("Schnee"), der sich hier im Winter meterhoch türmt, und so heißt dann auch der Titel des Buches. 

Pamuk lässt einen missglückten Militärputsch in dem konservativen Provinznest stattfinden. Der Name des Protagonisten Kara ("Schwarz") symbolisiert die bedrückende Stimmung in der Stadt. "Karg" wäre eine weitere Assoziation, die mir angesichts der Landschaft in der Umgebung einfiel.

Nicht gerade aussichtsreiche Erwartungen, die Sprache und Autor da in mir weckten!

Blick auf Kars und seine karge Umgebung. 

Umso überraschter war ich, wie gut mir Kars gefiel. Die Stadt hatte wenig mit ihrer literarischen Doppelgängerin gemeinsam, war sehr belebt und voller Lebensmittelgeschäfte mit für den deutschen Gaumen exotischen Speisen und Gewürzen. Die Festung in der Bergkulisse mit der armenischen Kirche zu Füßen war wirklich schön anzusehen. 

Minderheiten in der Türkei 

Apropos armenisch: Gerade im Osten der Türkei leben große Minderheiten. Einige wurden vertrieben und ermordet (Armenier), andere suchten Zuflucht (Azeri, Iraker und Syrer) und die größte Gruppe (Kurden) wird immer noch marginalisiert.

Die zahlreichen Kontrollposten, Wachtürme und Festungen der Jandarma, einer militärisch geführten Polizei, zeugen von den harten Kämpfen zwischen Staatsmacht und PKK. Erst 2016 wurde in der Stadt Van ein Anschlag auf Polizisten verübt.

Omnipräsent: Das Militär. 

Als wir in dem kurdisch geprägten Gebiet reisten, griff die türkische Armee gerade die syrischen Kurdenmilizen an. Im Fernsehen wurden herzzerreißende Bilder von Soldaten an der Front gezeigt, die neugeborene syrische Kinder in den Armen hielten.

Unsere Gesprächspartner thematisierten den Krieg nicht. Allerdings gab es einige, die sich uns gegenüber deutlich als "Kurden, nicht Türken" zu erkennen gaben und deren Muttersprache Kurdisch war. Andere sagten: "No problem," Türken und Kurden würden friedlich zusammen leben. 

Autopanne an der Sperrzone

Das Militär kam uns tatsächlich zur Hilfe, als wir in Sichtweite zur schwer abgeschirmten armenischen Grenze bei Kars eine Panne hatten. Die Flickerei in Armenien hatte nicht lange gehalten.

Schon nach fünf Minuten kam ein Militärfahrzeug, aus dem drei junge Soldaten mit Maschinengewehren und ein "Chef" (keine Ahnung, wie das heißt) stiegen. Während wir den Automobilclub unseres Vertrauens anriefen, wollten die Jandarmen uns einfach nur aus dem Grenzgebiet loswerden und selbst den Abschleppwagen rufen. Dass es für sowas in Deutschland eine Versicherung gab ("Sigorta...telefon!"), interessierte die Uniformierten nicht weiter. Auch von meinen angebotenen Trauben wollten sie weder kosten noch sich besänftigen lassen.

Am Ende ergaben wir uns in die Aussichtslosigkeit unserer Lage: In der Steppe an der Grenze stehend, umringt von schwer bewaffneten Soldaten und mit unter Stress vollends versagenden Sprachkenntnissen.

Hier an der armenischen Grenze hatten wir die Panne. 

Mit 60 Euro war das Abschleppen über 50 Kilometer dann ja auch ein echtes Schnäppchen.

Dies sollte nicht die letzte Fahrt mit dem Abschleppwagen bleiben. 

Schmugglerparadies an der iranischen Grenze

In Doğubeyazıt standen die geflüchteten arabischsprachigen Kinder in der gesellschaftlichen Hackordnung noch unter den kurdischen Kindern. Erstere bettelten, letztere arbeiteten als Gemüseverkäufer oder Hirten. 

Davon abgesehen war Doğubeyazıt ein quirliges Vergnügen. Am Straßenrand auf dem Weg dorthin fanden Hirten ein zweites Auskommen. Sie bewarben mit eindeutiger Gestik geschmuggelte Zigaretten aus dem angrenzenden Iran. 

Die Festung war schön gelegen, die Sicht auf den Ararat war klar, viel klarer als in Armenien. 

Blick auf den Ararat von Doğubeyazıt aus. 


Dem Untergang geweiht

Im Landesinneren fuhren wir durch die unwirtliche und unwirkliche Flusslandschaft des Çoruh. Wir besuchten dem Tod geweihte Städte und Dörfer, die aufgrund des sich im Bau befindenden Yusufeli-Staudamms in ein paar Jahren untergehen werden. 




Tortum - See. 

Dem Untergang geweihtes Dorf bei Yusufeli. Hoffentlich hält die Brücke noch! 

Die lebhaften Städte standen in krassem Gegensatz zur modernen Infrastruktur des Staudamms. Es reihen sich zahlreiche neue Tunnel, Straßen, Moscheen und Reihenhäuser für die umgesiedelten Menschen aneinander. 

Zuckerschock in Erzurum 

Erzurum - Erzkonservativ: Diese Assoziation passte mal wieder einigermaßen. Es gab Straßen mit sehr geringer Frauendichte, der Dresscode war überwiegend gesittet. Doch das hat den Stadtbummel nicht unangenehm gemacht.

Umland von Erzurum. 

Stadtzentrum von Erzurum. 

Ich aß mich in den zahlreichen Konditoreien bis fast zur Diabetes.

Katmer ist eine göttliche Offenbarung: Hauchdünner Teig, Pistazie, Käse und viel Zucker. 

Ein paar wenige alte Gebäude hübschten das Stadtbild auf und zwischendrin fuhren vereinzelt Pferdekarren.


Straßenszenen in Erzurum. 

Mein Fazit: Wer eine kulturell vielfältige Region erleben möchte und dabei auf Lieblichkeit verzichten kann, für den ist Ostanatolien ein gutes Reiseziel. Allen anderen empfehle ich die touristischen Zentren der türkischen Mittelmeerküste. 

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