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Täbris und Isfahan - Klotzen statt Kleckern

Vielleicht lag es an den Luxushotels, die wir in scharfem Kontrast zum Leben im Wohmmobil als Behausung gewählt hatten, aber Täbris und Isfahan beeindruckten mich mit Pomp und Glamour.


Mister Ali in seinem Laden beim Bazar von Täbris. 

Sie sind die wahren Könige der iranischen Straßen und einfach überall... 

Der Bazar von Täbris

Der riesige Bazar von Täbris, der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, war einfach unvergleichlich! In den unzähligen Gängen kann man herrlich schlendern, sich verlaufen, staunen und natürlich Geld ausgeben. Die Auswahl an Schmuck, Stoffen, Kleidung, Nahrung, Teppichen und Geschirr ist überwältigend. 

Der leergefegte Bazar von Täbriz nach Feierabend. 

Man muss nur aufpassen, dass man nicht von den zahlreichen Lastenträgern überfahren wird, die in hoher Geschwindigkeit schwer beladene Sackkarren durch die engen Gänge und den dichten Publikumsverkehr schieben. 

Im Bazar tauschte ich dann auch meinen verwaschenen Schal, den ich als Hijab trug, gegen ein farbenfrohes Tuch ein, das mich mehr wie eine russische Babuschka aussehen ließ.

Modell: Babuschka. 

Underdressed

Der Zwang, ein Kopftuch zu tragen, nervte mich schon vom ersten Tag an. Dafür entschädigte jedoch eine gewisse Solidarität unter Frauen.

Modell: touristisches Modemuffel. 

Ich glaube, die Tatsache, dass ich mir einen viel zu dicken verknitterten Schal dilletantisch um den Kopf schlang und manchmal dazu noch ein sackartiges Gewand trug, gab mich auf einen Kilometer Entfernung als Touristin zu erkennen.

Die Kleiderordnung ist eindeutig. 

Je mitleidiger die Blicke, desto weiter hatte ich mich von der modischen Norm entfernt. Starren deutete eher an, dass ich auf Messers Schneide mit dem Gesetz stand, das heißt, meinen Leib zu kurz oder zu eng bedeckt hatte. 

Doch viele der zahlreichen sehr schick gekleideten Frauen, die auf den Tschador verzichteten, nickten und lächelten mir einfach freundlich zu, manchmal begleitet durch ein "Welcome to Iran". Gerne kamen auch jugendliche Mädchen auf mich zu, um schüchtern ihre ersten zwei Sätze Englisch zu üben. Manche Frauen kramten sogar ihre Deutschkenntnisse aus. 

Welcher Tschador ist der schönste? 

Die Freiheit der fehlenden Kopfbedeckung 

An einigen der chinesischen Touristinnen, die an Stelle des Kopftuches einen breitkrempigen Sonnenhut trugen, schien sich auch niemand zu stören. Mitleid hatte ich mit den vielen iranischen Frauen, für die die Kleiderordnung nicht nur ein vorübergehendes Ärgernis ist, sondern ein dauerhafter Eingriff in ihre persönliche Freiheit. Mehr als das Tuch so weit wie möglich nach hinten zu schieben oder seine Haare am Rücken aus dem Tuch raushängen zu lassen, blieb ihnen nicht übrig. 

So eine strenge Kleiderordnung und dann werden diese nackten Tatsachen auf Teppichen im Bazar von Täbris verkauft? 

Die Kleiderordnung galt übrigens überall im öffentlich Raum. Dazu zählte auch der Frühstücksraum im Hotel und der Balkon vorm eigenen Zimmer. Manchmal durfte ich den Hijab in den Innenräumen von Hostels oder Restaurants aber auch ausziehen, was ich jeweils als sehr befreiend erlebte. In einem Restaurant stellte man uns zusätzlich eine Deutschlandflagge auf den Tisch. Vielleicht, damit sich niemand an meinem "Oben ohne" störte?

Wie die Staatsgäste: Im Restaurant. 
Zum Essen gab es für Vegetarier immer Suppe oder eine Art Curry. 


Alis Laden 

In Täbris wurden wir dann zwei von 8500  internationalen Touristen, die sich in die 13 Gästebücher von Nähmaschinen-Reparateur Ali eintrugen. Der Mann hatte mit über 60 Jahren autodidaktisch angefangen, Englisch zu lernen. Die ersten Buchstaben lernte er von den Beschriftungen europäischer Nähmaschinen, Vokabeln notierte er fein säuberlich auf der Rückseite ausgedienter Plakate.

Seine Motivation: Sich besser mit Menschen aus aller Welt verständigen zu können. Die Menschen sammelt er seitdem freundlich auf der Straße ein und bittet sie zum Tee.

Dauergast bei Ali war ein junger einheimischer Student, der perfekt Englisch sprach. Seinem Berufswunsch, berühmt zu werden, und seinen Gelegenheitsjobs als Tourguide kam er durch den Aufenthalt bei Ali sicher näher. Vor allem aber ermöglicht Alis offene Art den beiden so unterschiedlichen, aber weltoffenen Männern, einen Blick in die große weite Welt.

Zum Abschied bekam jeder von Ali eine kunstvoll mit einer persönlichen Botschaft handbeschriebene Postkarte aus Täbris. Dafür ist Ali bei Reisebloggern wie Chilis & Coconuts schon zu einer kleinen Berühmtheit geworden.

Mister Ali und der junge Mann, der berühmt werden möchte. Hier mein Beitrag dazu. 

Da man als Ausländer in den touristischen Hochburgen häufig angesprochen wird, um Teppiche, Taxifahrten oder Führungen feilgeboten zu bekommen, hätten wir Alis Einladung fast ausgeschlagen. Wir waren froh, dem Misstrauen nicht nachgegeben zu haben.

Eine wirklich herzerwärmende Begegnung! 

Höflichkeit im Iran

Überhaupt erlebte ich die viel gerühmte Freundlichkeit der Menschen. Auf dem Weg nach Täbris brachte uns ein älterer Herr zum richtigen Taxistand, ein Mitfahrender begleitete uns zum Busticketkauf und eine Englischlehrerin geleitete mich zur Toilette und wieder zurück zur richtigen Haltestelle.



In solchen Minibussen wurde vielerorts leckerer Tee und Kaffee angeboten. 

Ein älterer Englischprofessor spazierte mit uns an seinem freien Tag zu einem Park in Täbris. Er übte voll motiviert sein Deutsch, lobte unser Heimatland, unsere Englischkenntnisse, die angeblich deutsche Freundlichkeit, und ließ sich Vokabeln auf seine Zeitung schreiben.

Im Nordiran waren überall diese schönen Zierkohle zu finden. 

An einem Abend fanden drei witzige Studenten unseren Taxipreis zu hoch und bestellten uns prompt ein günstiges bei einer Taxi-App.

Taxis gab es im regen Verkehr von Täbris genug. 

Das liebe Geld

Jede Recherche zum Thema Iranreise kommt früher oder später auf Geld zu sprechen. Obwohl ich mich fleißig eingelesen hatte, war ich mit dem Zahlungsverkehr heillos überfordert. Ausländische Kreditkarten funktionieren nicht, sodass wir mit einem dicken Bündel Türkischer Lira einreisten. 

Preise werden - außer in gehobenen und auf begriffstutzige Ausländer eingestellten Hotels - in der seit 1925 abgeschafften Währung Toman angegeben, um eine 0 zu sparen. Das heißt, 10 000 Toman sind 100 000 Rial, die die offizielle Währung darstellen.

Iranische Währung. 

Ob zwei emporgereckte Finger nun 20 000 oder 200 000 Toman sind, habe ich nie kapiert. Also bin ich den VerkäuferInnen sicher völlig umnachtet vorgekommen, wenn ich mal wieder einen Schein mit einer 0 zu wenig gezückt hatte. 

Die persischen Schriftzahlen ließen sich zum Glück schnell lernen (oder im Internet suchen). So konnte ich den ein oder anderen Touristen-Aufschlag verhindern. 

Diese Flaschen kosteten ein umgedrehtes Herz und drei Rauten. 

Völlig geschafft haben mich dann die Wechselkurse. An der Grenze tappten wir in die Touri-Falle und tauschten auf dem Schwarzmarkt voller Stolz ein bisschen Startbudget zu einem nur leicht über dem offiziellen Wechsel liegenden Kurs ein.

Nur um am nächsten Tag festzustellen, dass der inoffizielle Kurs doppelt so viel Geld für unsere Lira brachte. Von dem Kurs hatte ich gehört, doch wie groß die Unterschiede waren, wusste ich nicht. Aber wer misstraut schon einem Zöllner, der einen vertrauensvoll zum Schwarzmarkt weiterleitet? 

Hotellerie vom feinsten 

Im Hotel Täbris in der gleichnamigen Stadt sowie im Abbasi in Isfahan fühlten wir uns wie die Könige. Zuvorkommender Service, tolle Lobbies, opulentes Frühstück und im Abbasi ein Garten wie aus 1001 Nacht. 


Hotel Abbasi in Isfahan. 

Die vielen mäkeligen Kommentare auf Bewertungsseiten kommen vielleicht von Gästen, die deutsche Luxushotels gewohnt sind. Doch dass der ein oder andere Hahn tropfte oder die Ausstattung nicht brandneu war, konnte ich bei 50-60 Euro die Nacht wirklich verkraften. 

Beeindruckende Architektur

Ein weiteres Luxusproblem auf Langzeitreisen: Es ist wichtig, sich nicht an die Schönheit der Welt zu gewöhnen. Stattdessen bemühe ich mich immer, noch staunen zu können. In Isfahan war das kein Problem. Es ist schwierig, sich an den prunkvollen orientalischen Gebäuden in diesem Hotspot der Seidenstraße satt zu sehen.


Rund um den Meidan-e Imam Platz in Isfahan gab es tolle Architektur zu bestaunen. 

"Down with the USA" 

Eine nette, in einen schwarzen Tschador gehüllte Frau, hieß uns auf der Straße im Iran willkommen, warnte uns aber vor dem Feiertag, der gerade gefeiert wurde. Es war der Jahrestag der Erstürmung der US-Botschaft im Rahmen der Islamischen Revolution. 

Mit solchen Schildern liefen schon Grundschüler durch die Straßen. 

Und so zogen schon kleine Kinder mit "Down with the USA"-Plakaten durch die Stadt. Diese wurden zum Zweck der martialischen Wirkung - zum Teil vor unseren Augen - gegen harte Gegenstände geschlagen. So sah die zerstörerische Botschaft noch authentischer aus. 

Meine innere Bewältigungsstrategie war der passende Ohrwurm von Bruce Springsteen: "Born in the USA" (hat ja auch das gleiche Versmaß). 

Irritiert war ich, dass ein bekanntes zucker- und koffeinhaltiges Kaltgetränk einer Firma des Feindeslandes sowie Fast Food-Ketten, deren Aufmachung stark an die Cooperate Identity ähnlicher Ketten im Feindesland erinnerten, sich großer Beliebtheit erfreuten. Auch der Dollar war das bevorzugte Zahlungsmittel. 

Schwätzchen mit dem Mullah

Und wieso hatte der Mullah, mit dem wir uns unterhielten, im Englischen einen starken US-Akzent (was er bestritt)? 


Was genau hier auf Farsi geschrieben steht, weiß ich nicht. Eins ist sicher: Es wird nicht die iranisch-US-amerikanische Freunschaft gefeiert. 

Der Geistliche saß in der Schah-Moschee, einer der touristischen Hotspots Isfahans, und war von einem Ministerium abbestellt,  um über den Islam und den Iran aufzuklären. Klar, dass das Regime seine sympathischsten und weltgewandtesten Vertreter auswählt, um sein Image aufzupolieren! Und so war das Gespräch richtig interessant. 

Der Mullah beteuerte gegenüber uns und einer todesmutigen US-Amerikanerin, die an besagtem Feiertag unterwegs war, dass die iranische Führung nichts gegen das US-amerikanische Volk, sondern nur gegen dessen Führung habe. 

Über allem wacht der Gottesstaat, wie hier in Täbris. 

Ich hoffe, die politischen Führungseliten  des Iran und der USA sehen das genau so und handeln, wie es für beide Völker am besten wäre. 

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