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Wohnmobil-Reise am Van-See in Ostanatolien

Der Van-See mit V statt W begeisterte mich durch die hellblaue Farbe seines Sodawassers.

Blick auf den Van-See. 


Touristenattraktion

Mit der Begeisterung war ich nicht alleine: Eine Gruppe iranischer Frauen stieg an einem Seeparkplatz aus ihrem Reisebus aus und feierte bei laut aufgedrehter Musik tanzend Party. Geht in ihrer Heimat ja nicht. Vielleicht ist das Reiseziel deshalb bei Iranern so beliebt?

Das glasklare sodahaltige Wasser des Van-Sees. 

Die Fahrt zum armenischen Kloster auf der kleinen Insel Akdamar war ein tolles Erlebnis.

Insel Akdamar. 

Werkstatt-Hopping in Van

Doch nach dem Ausflug überraschte uns ein allzu vertrautes Klickgeräusch: Das nach zwei notdürftigen Flickereien in Armenien und der Türkei zum dritten Mal ausgetauschte Kupplungsseil war zwei Tage nach dem Einbau schon wieder gerissen. Die schicke Fiat-Vertragswerkstatt in Van hatte uns aufgrund des Alters vom Wohnmobil erst gar nicht helfen wollen, weshalb wir mal wieder nur ein umgeschweißtes Stück in einer anderen Werkstatt bekommen hatten.

Doch da hatten wir wohl zu hoch gepokert!

Mit dem Abschleppdienst ging es also wieder zurück zur Stadt Van, die wir wegen mangelndem Charme links liegen gelassen hatten.

Ein Anblick, den wir gegen Ende der Reise öfter ertragen mussten. 

Diesmal übernachteten wir im Auto-Viertel der Stadt. Etliche Werkstätten, Reifenhändler, Waschanlagen, sogenannte Autofriseure und Teilehändler reihten sich aneinander. Ein für den Fremden völlig undurchsichtiges Gewusel!

Dankbarerweise hatte der Abschlepper per Telefon einen "Abi" (türkische Ansprache, wörtlich: "großen Bruder") aufgetrieben, der sich erbarmte, unsere alte Karre zu reparieren.

Das Auto-Viertel von Van. 

Das Ersatzteil kam aus einem alten Friedhofs-Fiat, der plötzlich ungeklärter Herkunft neben der Werkstatt stand.

Dieses Fiat-Gerippe wurde zum
Organspender. 

Im Vulkankrater 

Bei Tatvan fuhren wir in einen inaktiven Vulkankrater, den Nemrut Dağı (nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Berg bei Adıyaman). 

An dem kleinen Kratersee sahen wir eine riesige Schafsherde grasen, blieben jedoch aufgrund der Schäferhunde ängstlich in großem Sicherheitsabstand stehen. Einer der fünf Hirten errettete uns schließlich vor den knurrenden Bestien und lud uns zum Tee ein.

Wir setzten uns auf die Schafsfelle, die den Männern als Bett dienten und bekamen sogar ein Lamm fürs Foto ausgeliehen. Auf den Lasteseln waren Feuerholz und Essen geladen, zwei der Hirten erholten sich gerade von ihrer Schicht und schliefen.

Schafsherde am kleinen Kratersee des Nemrut Dağı. 

Dank meines gebrochenen Türkisch und der Englischkenntnisse einer der Hirten erfuhren wir, dass die kurdischen Männer mit ihren 3000 Tieren auf dem Weg in ihr 300 km entferntes Winterquartier in Batman seien. Unterwegs hatten wir bereits mehrere solcher Gruppen mit großen Herden gesehen, die teilweise mit Kindern und Frauen in Zelten übernachteten.

Die Arbeit sei sehr hart, erklärten uns die Männer. Tag und Nacht seien sie auf den Beinen, um die Tiere zusammen zu halten, vor Bären zu schützen und Lämmern auf dem Weg in die Welt zu helfen.

Der jüngste der Männer wäre dann auch am liebsten mit uns nach Europa gekommen, sagte er beim Abschied mit Tränen in den Augen. Allerdings hatte er mit seinen 17 Jahren, die wie 30 Jahre aussahen, schon drei Kinder zu versorgen. Mich berührte diese Begegnung sehr. Diesen Alltag konnten wir uns kaum vorstellen!

Kochen für die Bärenfamilie

An der Straße sahen wir zwei syrische Braunbären, die von einheimischen Touristen als Fotoobjekt verfolgt wurden, während wir die Tiere lieber nur aus dem Auto heraus beobachteten.

Wer etwas genauer hinschaut, erkennt die beiden Braunbären von Tatvan im Hintergrund. 

Am großen See parkend waren wir dann eine Attraktion für eine türkische Reisegruppe, die uns auf Deutsch und Englisch ansprach. Sie amüsierten sich darüber, dass wir so aufwendig Gemüse schnitten, um es dann einfach mit Nudeln und Käse in einen Feuertopf zu werfen.


An diesem Hotspot wurden wir zum Anziehungspunkt für verschiedenste Gäste. 

Ein Tourist zeigte uns stolz ein Video, wie die Bären umringt von der Gruppe mit Brot gefüttert wurden, was ich ziemlich lebensmüde fand. Obwohl uns Einheimische noch davor warnten, dass der Parkplatz nachts von vielen Bären frequentiert würde, machten wir dann selber, wovon jeder Outdoor-Ratgeber abrät: Wir aßen im Wohnmobil, während der gusseiserne Topf mit dem leckeren Nudelauflauf noch draußen auf dem Feuer stand.

Sobald die letzte Flamme erloschen war, kamen drei Bären, schoben den heißen Topf von der Glut und aßen den mühsam zubereiteten Inhalt restlos auf. Auch das Weinglas schmissen sie um. Hoffentlich hatten sie danach wenigstens Kopfweh!

Nach dem Essen blieben die Bären noch in der Nähe. Ich hatte wirklich große Angst, die Viecher würden unseren leicht müffelnden Kühlschrank erschnüffeln und versuchen, ins Wohnmobil einzudringen.

In der Nacht drückte ich deshalb kaum ein Auge zu. Vor allem nicht, als ich nachts einen Kampf zwischen einem Hirtenhund und einem Bären hörte und aus dem Fenster beobachtete. Der Hund knurrte und biss zu, der Bär wimmerte. Am Ende gewann der Hund und der Bär flüchtete.

Ich begann, an meinem Verstand zu zweifeln. Passierte das gerade wirklich?

Der Hund lag am nächsten Morgen friedlich schlafend vor unserem Wohnmobil. Im Traum knurrte und bellte er noch weiter. Wir grillten ihm als Dankeschön zwei Kartoffeln in der Glut, die er jedoch verschmähte. Ob die Hirten ihn zum Schutz zu uns verwöhnten  und naiven Stadtkindern geschickt hatten?

Wir entschieden uns jedenfalls gegen eine Wanderung um den großen See und suchten das Weite.

Blick auf den Kratersee bei Tatvan. 


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