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Menschen auf der Reise

Ein Jahr, 21 Länder, 37000 Kilometer Reiseweg über Land. Viele wunderbare Begegnungen der Reise habe ich an anderer Stelle schon beschrieben, so etwa die Unterhaltung mit kurdischen Hirten in Tatvan, die Einladung in Alis Laden in Täbris oder das Feiern der internationalen Freundschaft mit Truckern auf einer Cargofähre

Ali in Täbris. 

Ein paar schöne Erinnerungen an andere Reisende beschreibe ich in diesem Beitrag. Um die Porträtierten anonym zu halten, verändere ich wenige unbedeutende Zusatzinformationen wie Ortsangaben. 


Wie ich immer wieder auf Altersstereotype hereinfalle

Frühstück im noblen Hotel Abassi in Schiras (Iran). Während ich damit beschäftigt bin, meinen voll beladenen Teller leer zu essen, höre ich am Nebentisch Deutsch. Drei ältere Herrschaften, ein Mann und zwei Frauen, waren mir schon vorher aufgefallen, da die Damen ihre Schleier genau so dilletantisch umgelegt hatten wie ich.



Deutsche Touristinnen sind häufig an ihrer Outdoor-Funktionskleidung zu erkennen, im Iran an ihren dilletantisch gebundenen Schleiern. 

Nach dem großen Fressen unterhalten wir uns. Meine Erwartung: Die typisch deutschen Rentner beschweren sich bestimmt erstmal über das iranische Essen oder den tropfenden Wasserhahn im Zimmer. 

Doch weit gefehlt: Der Mann und eine der Frauen sind gerade mit dem Expeditionsmobil unterwegs in Richtung Oman - einem beliebten Überwinterungsziel für die Abenteuerlustigen unter den Wohnmobilisten. Nur ein paar Tage lang würden sie im Hotel gastieren, ihres Gastes wegen, bevor es weiter "on the road" ginge. 

"Wir sind ja fünf Jahre auf der Panamericana gefahren," sagt die Frau fröhlich lachend. Fünf Jahre? Die Panamericana? Von wegen typisch deutsches Rentnerglück! "Die sind ja aus viel härterem Holz geschnitzt als ich," denke ich voller Respekt. 


Hotel Abbasi in Schiras.

Ähnlich geht es mir bei einer deutschen Busgruppe, die wir in Armenien treffen. "Unsere älteste Mitreisende ist 82 Jahre alt," sagt einer der Reisenden stolz und ruft die Dame herbei.

Da sie nicht mehr so gut hört, schließe ich automatisch und fälschlicherweise auf ihren Intellekt und brülle nur einfache und kurze Sätze auf sie ein. Auf besonderes Verständnis für eine einjährige Wohnmobilreise hoffe ich nicht.

In den armenischen Bergen. 

Doch wieder weit gefehlt: Die Dame versteht mehr als ich dachte und kommt trotz meines oberflächlichen Geplänkels schnell auf den Punkt. Dass man sich drauf einlassen müsse, aufs Reisen, sonst könne man es nicht genießen, sagt sie. 

Die Auflösung: Ihre Schwester und deren Mann seien jahrelang um die Welt gesegelt. Seit die Schwester verwitwet sei, lebe diese auf einem Campingplatz im Wohmmobil. 

Für meine Reisebekanntschaft wäre so ein Leben auf Achse nicht vorstellbar. Andererseits: Mit über 80 Jahren nach Armenien reisen? Ein bisschen was haben die Geschwister wohl doch gemeinsam! 

Roadtrip durch Armenien.

Weisheit auf Reisen 

Ähnliches erleben wir in Albanien. Auf einem Supermarktparkplatz werden wir von zwei freundlichen deutschen Campern in niegelnagelneuem Wohnmobil angesprochen. Wir treffen sie auf dem Campingplatz wieder (so viele Plätze gibt es nämlich nicht im Land). Schnell sind wir zu Wein in ihr luxuriöses Zuhause auf zwei Rädern eingeladen. 

Mit der Karosse reisten sie schon überall hin, "wo man eigentlich nicht hinfahren soll," sagt der Mann, nennen wir ihn Horst. Erst durch die beiden bekommen wir Lust, die Ukraine zu besuchen. "Kein Problem," findet Horst. Seine Frau, nennen wir sie Jelena, stammt aus Russland und übernimmt auf Reisen die Kommunikation mit der Außenwelt. Slawische Sprachen seien für sie kein Problem, sagt sie. 

Richtig gemütlich wird es. Der Schoßhund nimmt neben uns Platz, irgendwann gibt es für uns einen Schnaps aus der Heimat, dazu natürlich Salzstangen im Glas. Die beiden haben jede Menge Reiseanekdoten zu teilen.

Ganz so modern war unser Wohnmobil nicht. Hier vollgestopft und chaotisch bei der Rückreise. 


"Das ist immer etwas kompliziert an der Grenze: Bei uns springt jeder Drogenhund an. Aber wir haben ja ärztliche Bescheinigungen dabei." Was Horst als lustige Story verkauft, ist bitterer Ernst. Morphium haben die beiden im Gepäck, denn Jelena ist schwer krank und hat starke Schmerzen. 

Das erklärt dann auch, warum es die Luxusversion von Wohnmobil sein muss, die wir nicht ohne Neid besichtigen. Elektrisch ausfahrbares Bett, großes Sofa: Alles, damit Jelena sich von den Strapazen der Reise erholen kann. 

Auf die möchte sie jedoch nicht verzichten. Der Tapetenwechsel helfe jedes Mal zum Durchatmen, sagt sie. Die Frau ist nämlich unheimlich neugierig auf die Welt! Stolz berichtet sie von ihrem heutigen Erfolg beim Handeln in einem Bazar. Über ihre Krankheiten und Medikamente redet sie eher nüchtern, professionell, ohne Jammern. Kein Wunder, denn sie war mal Krankenschwester. 

Plötzlich wird sie ruhiger: "Für uns ist es die zweite Ehe. Mein erster Mann hatte Krebs. Fünf Wochen nach der Diagnose war er tot. Bei seiner Frau," Jelena deutet auf Horst, "dasselbe. Wir nutzen die Zeit zu reisen, so lange es noch geht." Ich muss schlucken. 

Was als harmlose Unterhaltung begann, gewinnt nochmal an Tiefe. Hier geben uns zwei Menschen etwas wichtiges mit auf den Weg. 

"Und ihr," sagt Jelena, "ihr müsst doch noch lange genug arbeiten. Also macht das mal mit eurer Reise!" 

Mutig auf zwei Rädern 

An einer Straße Nahe Yusufeli in der Türkei parken wir mit dem Wohnmobil und frühstücken gerade, als ein lautes Knattern zu hören ist. Ein junger Mann, Ende 20, kommt mit einem Zwitter aus Moped und Motorrad, Modell circa Achtzigererjahre, an der Wasserquelle neben uns zum halten. Aus zwei grünen Plastikkisten, die links und rechts am Gepäckträger befestigt sind, kramt er einen Becher und Geschirr aus und lässt notdürftig kaltes Wasser drüberlaufen. 

Ein Wohmmobil, welches die Errungenschaften moderner Haushaltsführung wie Spülen und Duschen erlaubt, ist doch echt ein Luxus!

Das luxuriöse Wohnmobil in Ostanatolien. 

"Hi," begrüßt mich der junge Mann. Wir bieten ihm Kaffee an. "Super, ich habe gerade meine Tasse gespült," sagt er. 

"Es gibt eben verschiedene Definitionen von Spülen," denke ich, und auch wie sehr ich eine Luxuscamperin geworden bin. 

Wir tauschen Reisetipps für die Türkei aus und dann erfahren wir seine spektakuläre Route: Von Dänemark aus fuhr der junge Mann bis in den Iran. Wie hat er das nur geschafft mit seiner Rostlaube? 

Eine Reise mit in die Jahre gekommem Wohnmobil ist für einen leicht zwanghaften Charakter wie mich schon der Gipfel an tolerierbarer Ungewissheit. Doch der tiefenentspannte Däne ist mein Held. Mit großem Vertrauen in die Menschheit ("People always help you...") und gesundem Misstrauen gegenüber der veralteten Technik ("...and someone can usually fix the bike.") zieht er mutig in die Weite.

Gibt es eine spannendere Motorradstrecke als diese unwirkliche ostanatolische Landschaft? 

Die Buddhas von Bamiyan 

Welche Berufe kommen euch in den Sinn, wenn ihr an "konservativ" denkt? Bestimmt ist Zahnarzt dabei. 

Und genau dorthin ging ich kurz vor meiner Reise, schnell noch eine Untersuchung erledigen. Meine Zahnärztin, Ü60, für mich der Inbegriff an Seriösität und eine echte Respektsperson, fragt neugierig: "Sind Sie länger unterwegs?" 

Betreten schaue ich auf den Boden, als ich von der geplanten Route, der Kündigung und dem Lotterleben im Wohmmobil berichte. Warum sollte die erfolgreiche Inhaberin einer Dentalpraxis für derart chaotische Lebensplanung Verständnis aufbringen? 

Ob meine Zahnärztin auch hier war? Schiras. 


Doch ganz im Gegenteil: Die Frau bekommt leuchtende Augen. "Ja, ich bin damals auch nach Afghanistan gereist nach dem Studium. Durch den Iran. In Bamiyan habe ich auf den Buddha-Statuen gesessen."

Jetzt bekomme ich leuchtende Augen und denke an Lieder von Klaus Hoffmann, auch an das durch die Taliban zerstörte Kulturerbe der Buddhas. "Die Hippie-Route!" sage ich voller Bewunderung. "Ja," antwortet meine Ärztin und hat ein etwas verlegenes Grinsen auf den Lippen...und wieder ein Leuchten in den Augen. 

Menschen haben oft viel zu erzählen, wenn man ihnen nur zuhört. 

Nora auf dem Erzähl-Thron. 

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